Aus den Fugen

Fink – Yesterday Was Hard On All Of Us

In mir wie warme Milch schlecht verrührt mit Mehl,
wochenlang wie Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Schlaf und
wie in einem Raum ohne Türen, von Bogotá träumend,
für alle wie eine Wolke nach Gewitter
ein harter Schlag von einem Unsichtbaren in die Magengegend –
jedes Mal, wenn wir wieder aufstehen erneut und
stumm schreiend und flehend,
die Zeiger der Uhr rückwärts drehend und
dieser Logik nicht folgendes Leben –
wie Kinder, die sterben und Reiche, die Geld hinterziehen,
Essen, das weggeworfen wird und Mütter, die ihr Baby nicht lieben,
Priester, die lügen, Weihnachten auf einem Mittwoch.
Du fehlst.

und dann weint es unversiegbar von ganz alleine und wird doch nie genug sein

Nick Cave – Hold On To Yourself

Die gewählte Nummer ist nicht vergeben. Nicht mehr vergeben. Zu schnell nicht mehr vergeben. In den letzten Tagen forderte mich immer deine Mailbox auf, dir doch eine Nachricht zu hinterlassen. Und diese Millisekunde, bevor die Bandansage losging, diese Millisekunde Hoffnung, davon lebte ich. Du wirst nie wieder ans Telefon gehen und du wirst nie wieder IRGENDETWAS tun. Ganz langsam kommt diese Wahrheit über mich. Schleichend. Du warst einer der Besten. Einer der ganz Großen. Es wirkt schon zynisch, dass du an so etwas kleinem wie Realität zerbrochen bist, wo du doch so oft versucht hast, aus ihr zu fliehen. Verlust. Für alle.

Deinetwegen hab‘ ich wenigstens immer was zu erzählen, du Psycho

The Pretty Reckless – Blame Me

Ich hatte mir fest vorgenommen in diesem Semester wieder all meine Kraft zu mobilisieren, ich wollte regelmäßig zu den Veranstaltungen gehen und zu Hause jeden bescheuerten Text, jede langweilige Vorlesungsfolie nacharbeiten, jedes Buch lesen. So far. Der Semesterstart erwirkte bei mir einen Nervenzusammenbruch, weil ich den Stundenplan nicht zusammengestellt bekam – für die meisten wohl lächerlich. Neben einigen Änderungen in Bezeichnungen von Veranstaltungen fand sich auf einmal eine neue Studienordnung und viele offene Fragen. Noch mehr Uni-Dinge. Kaum hatte sich diese Aufregung gelegt kam schon die nächste und wieder die nächste, sodass ich die letzten Tage den größten Teil der Zeit heulend auf dem Boden lag. Der Leser wird vermutlich nicht verstehen, wieso mich das so umhaut. Ich habe die Theorie, dass die meisten Menschen eine Art Filter im Gehirn haben, der die Dinge, über die es sinnlos ist oder es sich nicht lohnt sich aufzuregen, herausfiltert und gar nicht erst ins innere Therapiezentrum hereinlässt. Bei mir scheint dieser Filter nicht zu existieren und meine Psyche scheint eine extrem hohe Affinität zur Implosion zu haben. Eine Woche nach Semesterstart kam dann ein Anruf, auf den ich schon seit Monaten wartete, dass ich am vergangenen Montag kurzfristig auf die dbT-Station (dialektisch-behaviorale Therapie) aufgenommen werden könnte. Die Station war mir von meinem aktuellen Therapeuten empfohlen worden (sie befindet sich in einer anderen Klinik und es kostete mich damals wirklich Überwindung dort vorstellig zu werden). Und wieder Einbruch, in mir selbst. Täter auf der Flucht, konnte aber schnell vom Tatzeugen gefasst und handlungsunfähig gemacht werden. Da es mir derzeit „gut“ gehe und das Semester doch erst begonnen habe und der zu anfangs beschriebene Elan unerwartet ausgebrochen war, teilte ich dem Anrufer mit, dass eine stationäre Aufnahme in den Ferien besser wäre. Ach, du dummes Mädchen! – Heute dann noch einmal ein metaphorischer Schlag, direkt und unerwartet ins morgendliche Gesicht: Der Notwendigkeit psychologischer Betreuung bewusst, rief ich in „meiner“ Klinik an, um einen Termin bei „meinem“ für gut befundenen Therapeuten zu bekommen. Der ist weg. Seit zwei Monaten schon. Ja, der ist weg. Circle of Suffering.

Prokrastination: Sammelbegriff für folgende Aktivitäten: Ansehen von Katzenvideos auf Youtube; Fotografie von Essen

Courtney Love – Uncool

Es lassen sich unzählige Metaphern für das finden, was ich gerade durchlebe: Prokrastination, die zu einer schweren, wirren Wolke wird und sich immer enger auf mich herabsinken lässt, bis sie mich schließlich zerquetscht. Das Leben nervt, oder besser gesagt: Ich nerve.

txt

In meiner melodramatischen Art schaffe ich es zwar jedes mal wieder, meine Situation treffend poetisch zu umreißen – eine Lösung finde ich aber nie. Obwohl, eigentlich schon, ich führe nur nie die notwendigen Maßnahmen durch, die zu dieser führen könnten. Und warum nicht? Wenn ich ganz ehrlich bin – und das bin ich zu mir selber eigentlich nie – weil ich es nicht will. Ich will nicht, dass es besser oder anders wird, ich will keinen Befreiungsschlag, welcher dazu führen würde, dass ich mich GUT fühle. Die Wahrheit ist, ich genieße es zu leiden. Mir ist nicht zu helfen. Dies gab ich mir gegenüber auch schon diverse Male zu, aber dann kam immer ein neuer Punkt, an dem ich trotzdem nicht weiterkam. Also was nun? Was fange ich mit dieser traurigen Erkenntnis an? Prokrastination! – Wir klären das Morgen.

Life is a lemon and I want my Money back

Destroy Rebuild Until God Shows – Mr. Owl Ate My Metal Worm

Die Farben fressen sich in meine Haut wie gierige flüssige Monster, die vorbeiziehen. Schnell. Immer schneller. Ich bleibe. Die Wolken kommen näher. Flauschiges Weiß. Ich würde sie gerne essen, doch meine Zähne sind so kälteempfindlich. Ich muss mich setzen, legen. Meine Füße zerspringen in Farbpunkte. Ich schreie. Alles in Schräglage, alles rutscht nach rechts und ich lasse mich fallen. Fallen. Unaufhörlich. Ich spüre wie mein Inneres nach Oben springt. Fallen. Ich sehe mich um. Immer noch auf dem Sofa.

Verfolgt

Radiohead – Creep

Ich schlendere die Einkaufstraße entlang, die Hände in den Taschen meines Pullovers vergraben, den Kopf unter der Kapuze, die Augen auf den Boden gerichtet. Ich möchte nicht auffallen, muss unsichtbar sein. Auf der anderen Straßenseite kommt sie mir entgegen. Sie ist perfekt. Ich warte, bis sie an mir vorbeigegangen ist, wechsele dann zur anderen Straßenseite und folge ihr in sicherer Entfernung. Ihre langen Haare wippen beim Laufen, ihre Absätze machen diese Klackergeräusche, ich kann durch die enge Hose erkennen, das sie vermutlich einen Stringtanga trägt, zumindest zeichnen sich keine Unterwäschelinien ab. Die Frau scheint in Richtung Parkhaus zu laufen, ich habe meinen Wagen in einer Seitenstraße daneben abgestellt, weil da weniger Menschen sind. Uns kommt eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt, aber sie telefoniert nun, dass sie gleich da sei. Rechts ist die Einfahrt zum Parkhaus, sie stoppt kurz und lässt das Handy in ihre Tasche fallen. Ich gehe an ihr vorbei, bis ich sicher bin, dass sie in das Gebäude gegangen ist, drehe dann wieder um. Es beginnt zu dämmern. Perfekt. Ich kann gerade noch sehen, dass sie im Fahrstuhl verschwindet. Dritte Etage. Ich stürme die Treppe hoch, bleibe aber an der Tür zum Parkdeck drei stehen und schiebe diese nur einen Spalt breit auf, die Schönheit läuft auf einen grauen Wagen zu. Klack, klack, machen ihre Schuhe. Sie kramt nach ihrem Schlüssel in ihrer Tasche. Eine dicke, ältere Frau schiebt mich zur Seite. „Entschuldigen Sie, ich muss da durch!“. Die hab ich nicht kommen hören. Die Tür geht auf und die Frau geht zu einem dunkelgrünen Passat. Meine Frau hat ihren Schlüssel gefunden und die Tür aufgeschlossen. Nein. Nein. Nein. Die Fette soll verschwinden. Ich spüre wie die Neugier, die Aufregung der Wut weicht. Die dicke Frau lässt ihren Schlüssel auf den Boden fallen, hebt ihn auf, lässt ihn nochmal fallen. Die Schönheit sitzt im Auto, aber ich kann nicht erkennen, was sie tut. Ich trete aus der Tür, um an ihr vorbeizuschlendern. Die andere Frau scheint endlich ihr Auto aufgeschlossen zu haben. Meine Schönheit sitzt da und tauscht ihre schönen Schuhe gegen weiße Turnschuhe. Nein. Nein. Nein. Wieso tut sie das? Ich werde wütender. Die dicke Frau fährt rückwärts aus ihrer Parklücke, und ich muss über die Auffahrt in die obere Etage laufen, wenn ich mich nicht endgültig verdächtig machen möchte. Jetzt fährt auch die schöne Frau los. Panik. Die dicke Frau fährt nach unten. Ich renne zurück direkt vor das Auto der schönen Frau. Die macht eine Vollbremsung. Ich mache ein schuldiges Gesicht und eine beschwichtigende Geste mit der Hand, während ich mich der Fahrerseite nähere. Die Frau öffnet ihr Fenster. „Geht es Ihnen gut? Ich hab gar nicht gesehen, dass Sie da liefen!“ Ich hole meine Pistole aus der Tasche meines Kapuzenpullis und sage ihr, dass sie auf den Beifahrersitz rutschen soll. Sie zittert und fummelt an ihrem Anschnallgurt rum. Auch meine Hand zittert, allerdings vor Aufregung. Ich greife über sie, schnalle sie ab. „Los!“. Dann setze ich mich hin und fahre los, die Waffe noch immer in der Hand.

Kognitionspudding

Dillon – Your Flesh Against Mine

Morgens. Ich wache auf und spontan überkommt mich ein merkwürdiges Gefühl. Mein Körper und mein Inneres, mein Sein, sind nicht miteinander verbunden. Mein Inneres rutscht nicht aus mir heraus, weil unter meinen Füßen Haut ist, da bin ich ziemlich sicher und trotzdem traue ich mich nicht aufzustehen, aus Angst, dass die Haut unter meinen Füßen nicht stark genug ist, um mich in mir zu halten, dass ich herausrutschte wenn ich mich aus der Horizontalen in die Vertikale begebe.

Die Platte springt

Nirvana – Heart-Shaped Box

Ich nehme noch einen Schluck Kaffee und lasse mich wieder in die Kissen sinken. Mein Kopf ist voll und leer gleichzeitig, und ich hab den Verdacht, dass ich heute verdammt depressiv bin, aber das weiß ich erst, wenn ich richtig wach bin. Dieser Zustand ist elend. Eigentlich ist das jeder Zustand zur Zeit, aber das mag ich nicht zugeben, weil ich ein verwöhntes Industriestaatenkind bin, das sich schämen sollte über so banales Zeug wie Leben zu nölen. Ach, f*** off, wem mache ich was vor? Ich nöle. Das ist ein Nöleblog. Also nöle ich. Und ja, ich bin heute depri. Deal with it.