Aus dem Off – eine Mordfantasie

Placebo – Special Needs

Irgendwann war es als erwachte ich aus einem richtig bösem Alptraum und alles was ich sah war weiß. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, ob ich überhaupt irgendwas gedacht habe vorher, aber das war irgendwie ernüchternd. Ich weiß nicht wie lange das her ist. Ich starrte in einen weißen Raum, aber nicht die Art Raum wie sie in Häusern sind, ich meine, da waren keine Wände oder so, nicht wirklich. Und es blieb auch nicht dabei. Ich wurde von irgendetwas Unsichtbarem geschoben, aber nicht von einem Ort zum nächsten, sondern irgendwie zeitlich, nicht so rechts oder links oder so. Das scheint es hier gar nicht zu geben. Oh man. Hier wirkt alles so leicht und selbst-
verständlich, aber wenn man das jemandem erklären will, ist es echt schwierig, stelle ich gerade fest. Also dieses weiß ist auch manchmal grün und dann ist da ein Wald oder es taucht eine Straße auf, ein Haus oder ich bin plötzlich in einem Zimmer drin und manchmal höre ich auch Stimmen oder Vögel, aber so, als wären sie unter Wasser. Also, ich meine nicht, dass sich das hier nach ertrinkenden Vögeln anhört, ihr wisst schon! Das ist der Anfang glaube ich. Obgleich gestern hier auch heute sein könnte oder Morgen, mit Logik haben die es hier irgendwie nicht so. Ich behaupte einfach, dass es Tag eins war, falls heute doch erst Morgen ist, kann ich das ja gestern noch nicht wissen. Ich schwebte oder lag in diesem leeren weißen Irgendwas stunden- oder sekundenlang und hörte nichts, bis plötzlich dieses Rauschen irre laut über mich hinweg raste wie ein Sturm und dann erneute Stille hinterließ. Das wiederholte sich um die fünfmal. Während ich noch überlegte, was es sein könnte, verstärkte sich das Geräusch, wurde deutlicher und dann fiel es mir ein: es war das Geräusch von LKW wenn sie über die Autobahn fahren. Ich stand auf einer Brücke, die über die Straße führte und spuckte hinunter auf die fahrenden Autos und die LKW rasten mit verboten schneller Geschwindigkeit unter mir hindurch und machten dieses Geräusch und ich hatte Angst, die Brücke würde gleich einstürzen. Dann wehte der Wind mir meine Mütze herunter und ließ sie, nach einem kurzen Tanz in der Luft, auf die Straße fallen, wo sie sofort von den Autos überfahren wurde. Ich starrte hinunter, wo der kleine rosane Fleck immer dunkler wurde und der Wind schwieg, als hätte er heute nur diese eine Aufgabe zu erledigen gehabt. Dann kletterte ich auf das Geländer und sprang. Ein roter Fleck, neben einem rosa-grauen. Ich glaube, das war ziemlich eklig.

Verfolgt

Radiohead – Creep

Ich schlendere die Einkaufstraße entlang, die Hände in den Taschen meines Pullovers vergraben, den Kopf unter der Kapuze, die Augen auf den Boden gerichtet. Ich möchte nicht auffallen, muss unsichtbar sein. Auf der anderen Straßenseite kommt sie mir entgegen. Sie ist perfekt. Ich warte, bis sie an mir vorbeigegangen ist, wechsele dann zur anderen Straßenseite und folge ihr in sicherer Entfernung. Ihre langen Haare wippen beim Laufen, ihre Absätze machen diese Klackergeräusche, ich kann durch die enge Hose erkennen, das sie vermutlich einen Stringtanga trägt, zumindest zeichnen sich keine Unterwäschelinien ab. Die Frau scheint in Richtung Parkhaus zu laufen, ich habe meinen Wagen in einer Seitenstraße daneben abgestellt, weil da weniger Menschen sind. Uns kommt eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt, aber sie telefoniert nun, dass sie gleich da sei. Rechts ist die Einfahrt zum Parkhaus, sie stoppt kurz und lässt das Handy in ihre Tasche fallen. Ich gehe an ihr vorbei, bis ich sicher bin, dass sie in das Gebäude gegangen ist, drehe dann wieder um. Es beginnt zu dämmern. Perfekt. Ich kann gerade noch sehen, dass sie im Fahrstuhl verschwindet. Dritte Etage. Ich stürme die Treppe hoch, bleibe aber an der Tür zum Parkdeck drei stehen und schiebe diese nur einen Spalt breit auf, die Schönheit läuft auf einen grauen Wagen zu. Klack, klack, machen ihre Schuhe. Sie kramt nach ihrem Schlüssel in ihrer Tasche. Eine dicke, ältere Frau schiebt mich zur Seite. „Entschuldigen Sie, ich muss da durch!“. Die hab ich nicht kommen hören. Die Tür geht auf und die Frau geht zu einem dunkelgrünen Passat. Meine Frau hat ihren Schlüssel gefunden und die Tür aufgeschlossen. Nein. Nein. Nein. Die Fette soll verschwinden. Ich spüre wie die Neugier, die Aufregung der Wut weicht. Die dicke Frau lässt ihren Schlüssel auf den Boden fallen, hebt ihn auf, lässt ihn nochmal fallen. Die Schönheit sitzt im Auto, aber ich kann nicht erkennen, was sie tut. Ich trete aus der Tür, um an ihr vorbeizuschlendern. Die andere Frau scheint endlich ihr Auto aufgeschlossen zu haben. Meine Schönheit sitzt da und tauscht ihre schönen Schuhe gegen weiße Turnschuhe. Nein. Nein. Nein. Wieso tut sie das? Ich werde wütender. Die dicke Frau fährt rückwärts aus ihrer Parklücke, und ich muss über die Auffahrt in die obere Etage laufen, wenn ich mich nicht endgültig verdächtig machen möchte. Jetzt fährt auch die schöne Frau los. Panik. Die dicke Frau fährt nach unten. Ich renne zurück direkt vor das Auto der schönen Frau. Die macht eine Vollbremsung. Ich mache ein schuldiges Gesicht und eine beschwichtigende Geste mit der Hand, während ich mich der Fahrerseite nähere. Die Frau öffnet ihr Fenster. „Geht es Ihnen gut? Ich hab gar nicht gesehen, dass Sie da liefen!“ Ich hole meine Pistole aus der Tasche meines Kapuzenpullis und sage ihr, dass sie auf den Beifahrersitz rutschen soll. Sie zittert und fummelt an ihrem Anschnallgurt rum. Auch meine Hand zittert, allerdings vor Aufregung. Ich greife über sie, schnalle sie ab. „Los!“. Dann setze ich mich hin und fahre los, die Waffe noch immer in der Hand.

Stadt

Timothy Victor – This Is My City

an die grauen Blockaden,
die sich dem Himmel entgegenstrecken und
die Wege verschließen,
die ich nicht gehen darf,
an das große Raster,
in welchem ich schwebe,
wie ein Pingpongball,
hin- und her geworfen,
gegen harte, weiche, schwere,
an die Mauern,
zwischen denen ich stolpere,
falle und weine,
an das Ende meiner Welt,
ich bin da,
was ist jetzt?

Werwolf

(kurzkurzgeschichte)

We Are The Fallen – I Am The Only One

Wintermond, dachte er als er die düstere Gasse entlang ging. Seine Hände hatte er in dein tiefen Taschen seines Mantels versteckt und ein Schal verdeckte noch die Hälfte seines blassen Gesichtes. Eiseswärme. Glaubst du an das Leben?, die Frage kam aus der Ewigkeit direkt in seine Hirnströme, ein fortgeführter Gedanke, welcher nicht seiner war. Nein. Du? Schweigen umgab ihn, nicht einmal seine Schuhe gaben einen Laut von sich. Dann ein Scheppern. Er zuckte zusammen, die Augen suchten die Umgebung ab. Ein paar Meter vor ihm entfernt war ein Müllcontainer umgefallen. Dreh um!, kam die Stimme zurück. Ich kann nicht. Wieso nicht? Das weisst du. Du weisst es! Willst du nicht den Mond erreichen? Ich bin sonnensüchtig. Nein! Er ging auf den Container zu. Papier und Pappe breiteten einen Teppich für ihn aus. Dreh um. Ein kleiner Hund schoss an ihm vorbei. Für den Bruchteil einer Zeiteinheit versagte sein Herz. Ich muss nach Hause, bevor es zu spät ist. Du weisst das. Als er aus der Gasse heraustrat und dem Mondlicht, das nun von den Wolken freigegeben wurde, schutzlos ausgeliefert war überkam ihn eine zerreißende Kraft. Sein Körper gab dem Schmerz nach, der an Armen und Beinen zerrte, seinen Rücken verschob. Ein Schrei drang aus seinem Körper. Seine Fingernägel wuchsen schmerzend zu Krallen, während sein Körper von Fell überzogen wurde und seine Zähne zogen an seinem Kiefer, als ob sie jemand entfernen wollte, während sie sich zu Reißzähnen umbildeten. Die Augen starrten rotglühend zum Mond hinauf, bis sich der zitternde Körper beruhigte und in der Nacht verschwand. Wintermond, mondsüchtig.

Welle

We Are The Fallen – St. John

Eine Welle aus Bildern schwappte über sie in einer nicht messbaren Geschwindigkeit hinweg, sodass ihr Hirn nur einen Bruchteil der visuellen Fetzen zuordnen konnte. Gerne wäre sie noch einmal in den Pool aus Erinnerungen eingetaucht, hätte nach weiteren Teilen gesiebt. Das Brennen in ihrer Lunge fing wieder an, kroch hinunter in ihren Unterleib und bohrte sich durch ihr Inneres. Mit diesem unsichtbaren Parasiten lebte sie schon seit einigen Jahren. Doch den Grund konnten ihre Gehirnwindungen einfach nicht erfassen. Die Welle kam in unregelmäßigen Abständen in unterschied- lichen Situationen, doch hinterließen immer eine demotivierende Blindheit. Lärm. Licht blendete in ihren Augen, stach ein kleines Loch in die Linse und gaben einen Tunnel frei, an dessen Ende sie am heutigen Tag die Wahrheit finden sollte. Sie würde diesen Tag von nun an hassen.

Unscharf

Eine Minikurzgeschichte von mir, unterliegt natürlich, wie alles hier (und sofern nicht gesondert gekennzeichnet meinem Copyright!

Sie hatte den Schmetterling erschossen. Das Hohlspitzgeschoss hatte das kleine Tier gnaden­los, fast genau mittig, durchbohrt und dann mit gekonnter Präzision in die steinerne Wand gepresst. Fassungslos starrte Mimi ihre Freundin aus den eisblauen, welche für den kleinen Kopf viel zu riesig wirkten, an: ‚Alter, Falter!‘ Lena sicherte die Waffe und ließ sie über den klapprigen Gartentisch schlittern. Der Wind zerrte an den Ästen, der Bäume, welche den Garten einrahmten, begierig darauf, auch das allerletzte Blatt davonzutragen. Mimis blondes Haar tanzte. Ich liebe dich. Ich liebe alles an dir. Dass du die Socken immer auf links trägst, dass du beim Kopfsteinpflas­ter nicht auf die Linien treten willst. Ich liebe deine Haut, die nach Vanille riecht, dass du immer schlafen kannst, deinen Kirschmund und deine dreckige Lache. Ich liebe deine kindliche, naive Art mit der du an die Dinge herangehst und ich liebe es, dich immer wieder in Erstaunen zu versetzen. Mimi ging zu dem Schmetterling und strich sanft über den Leichenmatsch. ‚Tut mir leid, Kleiner. Du musstest sterben, weil du zu schön warst.‘ Lena grinste. ‚Soll ich nochmal?‘

Der Deckel der Whiskyflasche knirschte, als Lena ihn hastig aufschraubte. Viel war nicht mehr drin, zu oft hatten die Erinnerungen in den letzten Tagen in ihrem Schädel gebrannt und sie in diese Ecke geworfen, wie einen alten Müllbeutel. Sie wusste nicht, wie spät es war, denn der Akku ihres Mobiltelefons war seit Tagen leer, sie wusste auch nicht, welcher Tag war, denn auf dem Kalender standen nur bedeutungslose Buchstaben- und Zahlenkombinationen, die sich ihrem Verstand nicht mehr erschließen wollten. Mit einem Schluck leerte Lena ihr Glas. Sie spürte nichts. Sie spürte gar nichts mehr. Dauer-dissoziiert. Sie griff nach einer Schere, die einen halben Meter entfernt vor ei­nem Karton lag. Lena wusste nicht mehr, was der Karton enthalten hatte. Sie sah, wie sich rote Flüsse auf ihrem Unterarm bildeten, doch sie spürte es nicht. Sie spürte gar nichts. Am ganzen Arm gab die Haut nach. Nichts. Wütend schleuderte sie das Metalteil durch den Raum. ‚Scheiße!‘ schlug sie ihren Hinterkopf wieder und wieder gegen die Wand. Und wie Klebetropfen liefen ihr die Tränen über das bleiche Gesicht.

‚Störe ich dich in deinen Träumen?‘ Mimi sah von ihren Schuhen auf, mit denen sie einen kleinen Laubberg erschaffen hatte. ‚Nein. Eher in meinen Wirk­lichkeiten.‘ Lena setzte sich neben ihre Freundin auf die Bank, von der schon die Farbe abblätterte und in großen Stücken vom Wind fortgetragen wurde. ‚Wie geht es dir heute?‘ Mimis Augen leuchteten schwach und das Lächeln, das sonst ihre Mundwinkel umspielt hatte, schien verstorben und auch die Stimme schwächelte: ‚Ich muss immer an die Schlange denken, die mich einst in den Fuß biss, weißt du?‘ Lena schüttelte den Kopf. ‚Nicht wirklich, nein.‘ Sie gab ihrer Banknachbarin einen Kuss auf die Stirn. ‚Lass uns nach Hause gehen, es ist so kalt hier.‘

Offensichtlich musste sie sich in den Schlaf geheult haben. Ihr Kopf fühlte sich vergewaltigt an, ihre Armen schmerzten bedrohlich stark. Vielleicht ging sie besser zum Arzt. Mit zwei Fingern be­wegte sie ein paar gelöste Hautlappen und verzog angewidert das Gesicht. Resigniert griff sie nach dem Telefon. Es half ja nichts.Wieder einmal zu viel würde sie zu dem alternden Arzt gehen und sich eine Predigt über die ‚Schönheit des Lebens‘ anhören müssen, während er ihr persönlich die Wunden zuklammerte. Sie würde nicken und dann mit einem leisen ‚Aufwiedersehen‘ die kleine Praxis im letzten Haus der Straße verlassen.

‚Du siehst echt häßlich aus, wenn du rauchst.‘ Lena hatte durch Mimis Nachthemd hindurch sehen können, dass ihr kalt war. ‚Geh wieder rein, sonst wirst du krank!‘ Mimi hatte mit ihrem Kopf verneint: ‚Nein, du wirst krank! Du kriegst Krebs und dann muss ich ganz alleine in die­ser doofen Welt leben!‘ Ein letztes Mal hatte Lena den Rauch in die kalte Nachtluft geblasen. Verdammt. Mimi hatte die Balkontür zugesperrt. ‚Mimsch?‘ Es war fast eine halbe Stunde vergangen, als Lena es ge­schafft hatte, den Balkon herunterzuklettern, durch die Haustür, das Treppenhaus hoch zu sprinten und dann mit dem Schlüssel, den die beiden leichtsinniger Weise unter der Fußmatte versteckten, durch die Woh­nungstür zu kommen, um dort Mimi heulend am Boden aufzufinden. ‚Maus! – Was machst du denn? Was machst du denn für Sachen?‘ Sie setzte sich neben die Freundin auf den Boden. Erneuter Schluchzer: ‚Du lässt mich alleine!‘

Der Schal war viel zu lang, so dass Lena ihn zwei mal um ihren Körper wickeln konnte. Quiet­schend fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Oben auf dem Küchentisch lagen ihre Haustürschlüssel. Ein Lächeln schlich sich in ihr müdes Gesicht als es die ersten Schneeflocken des jungen Winters küssten. Normalerweise riefe sie Mimi nun an…

Klebetropfen

Daniel Wirtz -Scherben

Das Schweigen schien Stunden zu dauern, und Stunden schienen vergangen, bis die einsame Träne den weiten Weg über das blasse Gesicht geschafft und lautlos in die Tasse Tee getropft war. Sie starrte dort mit einer Konzentration hinein, als würde sie hier eine Antwort finden auf all die ungestellten Fragen, die sich in ihrer beider Köpfer türmten, wie Wolken am Regenhimmel. Vorsichtig tastete seine Hand über die Wachstischdecke zu ihrer. Sie sah auf. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte in ihren Eisblauen so etwas wie Hoffnung auf, doch als sich ihre Blicke trafen, erloschen die Augen wieder. Die Stille spannte, wurde immer schwerer, bis er schließlich darunter zusammenbrach: „Es tut mir leid.“, sagte er mit einer Sachlichkeit, die der eines Nachrichtensprechers gleichkam und sah auf seine Hände, die unruhig mit dem Ring spielten.
Als sie am Abend die Eisblauen schloss, erinnerte sie sich an seine Worte. „Mir auch“, dachte sie…

Verkrüppelt

Muse – Stockholm Syndrome

Als sie so da lag und ihre letzten Atemzüge in der kalten Winterluft Spuren zogen, dachte sie an damals. Und zum ersten Mal in ihrem kleinen Leben wünschte sie sich zurück. Die Kälte schien jedes einzelne Blutkörperchen eingefroren zu haben und hatte ihr jedes Gefühl geraubt, sogar den Schlaf, nach dem sie sich all die Jahre so sehr gesehnt hatte; – welcher aber nie kam, weil die Angst sie wachgehalten hatte. Und in der Sekunde, in der sie es schaffte die eisblauen zu schließen, setzte ein zarter Schneefall ein, der sie nach und nach vergrub…