Bericht zur Lage der Nation

Nightwish – Bye Bye Beautiful

Mein Kopf funktioniert seit Wochen überhaupt nicht mehr. Der Filter, der Wichtiges vom Unwichtigen trennt, der mir rationale Erklärungen ermöglicht und die Dinge relativiert, ist defekt. Anfrage beim Hersteller: Die Serie wird leider nicht mehr hergestellt, Reparatur wird wohl sehr zeitintensiv, eventuell auch mit Kosten verbunden. Ich will nicht mehr zum Psychologen. Ich war Jahrelang immer wieder dort und habe nicht das Gefühl, dass mir das irgendwie geholfen hat – vielleicht ist es klassisch sich das einzureden, aber jeder Schritt, den ich nach vorne ging, den bin ich selber gegangen. Diese ganze Geh-doch-mal-wieder-nach-Klappsgarden-Gerede erzeugt bei mir seit geraumer Zeit nur noch Augenrollen, ich bin austherapiert, da ist nix mehr zu machen. Keine Gespräche mehr, keine Pillen mehr. Ich bin fertig.

Aber wenn es so, wie es ist, nicht ertragbar ist, nicht richtig ist, und ein Gang zur Fachkraft keine Besserung bringt, was tut man dann? Man betrinkt sich, versinkt in Selbstmitleid und hofft, dass es irgendwann wieder weggeht. Immer wieder. Bis es irgendwann knallt, weil die Mitmenschen sich das Elend nicht mehr ansehen können. Und das kann nicht mehr lange dauern, weil dieser defekte Filter in meinem Kopf dafür sorgt, dass ich nahezu täglich einen Nervenzusammenbruch erleide, oder kurz davor stehe: die Wahl des Internetanbieters, die Wahl einer Joghurtsorte, die Planung des bevorstehenden Umzugs, alles fühlt gleich, alles fühlt sich an wie weltunter.

Jahrmarkt

Red Hot Chili Peppers – The Otherside

Ohne diese halblegalen Substanzen kann ich nicht schlafen. Und heute klappt es nicht mal mit denen. Ich bin müde, aber hellwach. In meinem Kopf ist Kirmes, um mich herum schwere Stille, schwere Dunkelheit. Ich liege da und kann nicht mal an die Decke starren, weil letzteres diese versteckt. Die Kirmes schließen kann ich auch nicht, ist noch zu viel los. Zu viele Besucher, die am Karussell anstehen und daher viele potenzielle Eintrittsgelder. Wirtschaftlich unklug. Also was tun? Vielleicht geh ich doch hin. Am Getränkestand ist heute Wein im Angebot.

Den Film kenne ich schon auswendig

Bring Me The Horizon – Drown

Wenn man so oft hinfällt, wie ich es tue, dann sollte man als Beobachter annehmen, dass ich Übung darin habe wieder aufzustehen. Aber so ist das nicht. Ich falle und dann liege ich da auf dem metaphorischen und manchmal auch sehr materialisiertem Fußboden, falle in mir selber zusammen, wie ein Teleskop, das man zu schnell in sich zusammen eingeschoben hat und dann verhakt ist, sodass ein wieder aufschieben nicht möglich ist. Ich implodiere und in mir drinnen ist der obligatorische Scherben-haufen, ein Puzzle bei dem ich die Randstücke nicht finde und nicht weiß, wie ich es wieder zusammensetzen kann. Ich falle. Und dann liege ich da. Weinend. This way. That way. Und verstehe die Welt nicht mehr, weil sie kurz zuvor noch in Ordnung war. So wie heute. Ich habe alles richtig gemacht: Ich trieb Sport, ich hielt meine Verab-redungen ein, war nett und freundlich zu meinen Mitmenschen und ich nahm meine Medizin (die, die ich nehmen soll). Eat me. Drink me. Und trotzdem. Wenn man so oft hinfällt wie ich, dann hat man irgendwann einfach keine Lust mehr und bleibt einfach liegen. Ganz großes Kino.

Wo ist der Anfang?

Within Temptation – And We Run

Fallen. Fallen und Zeitsprünge. Immer wieder. Erinnerungsfetzen. Geschriene Wörter: jeden Abend trinken. Wütende Wörter, die auf meinen Kopf einhämmern, gewaltsam eindringen wollen. Anders scheinen sie dort nicht haften zu bleiben. Tränen. Keine Besserung. Mehr von allem. Immer wieder diese Zeitsprünge. Dann bist du tot. Mehr von den weißen. Zeitsprung. Das war doch vorher. Ich schreie. Renne. Zeitsprung. Es ist Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Zeit zerspringt. Ich bin in der Klinik. Wann waren Sie das letzte mal da? Nein, das ist falsch. Es war im November. Ich brauch Zeit. Rase. Wache auf. Mein Kopf ist voll. Etwas versucht sich Zutritt zu meiner Wohnung zu verschaffen. Decke über den Kopf. Es ist so laut. Tablette.

Du konntest nicht Tschüß sagen

As I Lay Dying – Nothing Left

Vielleicht ist das das Problem, du gingst weg ohne dich zu verabschieden, weil du bald wiederkommen wolltest und ich ging irgendwann, weil ich dich später wiedersehen würde. Und dann warst du in der Klinik. Und ich dachte mir: Schade, aber du bist ja in zwei Tagen wieder da. Aber das warst du nicht und dieses nicht gesagte „auf Wiedersehen“ schwebt nun hier im Raum und wird es für immer tun, weil es kein Ziel mehr gibt. Es erinnert mich immer wieder an diesen Tag und an dich und es quält mich und es deprimiert mich. Vielleicht quält es sogar noch mehr, als die Unterhaltung, mit dem Freund von dir, als ich erfuhr, dass du nie wieder kommen wirst. Ich habe versucht um dieses Wort herum zu leben, bin ihm aus dem Weg gegangen, habe versucht es zu ertränken und in die Vergessenheit zu jagen, doch es ist hartnäckig. Diese Verabschiedung. Ständig laufe ich dagegen, werde von ihm auf den Boden geschubst oder im Bett eingesperrt. Aber die Kapitulation kann ich nicht länger akzeptieren. Ich will doch weiter leben…

Ich möchte bitte jemanden als vermisst melden

Herbert Grönemeyer – Der Weg

Ich starre in die Ferne. In den blauen Tag- und den sternigen Nachthhimmel. Ich sehe in jede Richtung, so weit meine Augen können. Aber ich entdecke dich nirgends. Denn du bist weit weg, viel zu weit weg. Erst abends, wenn ich die Augen schließe und mich in den Träumen verliere, dann bist du wieder ganz nah. So nah, dass es wehtut. Wo steckst du jetzt?

AUSRASTEN in Großbuchstaben

Katy Perry – Dark Horse

Lieber Postbote,

mir ist bewusst, dass Sie einen sehr anstrengenden Job haben. Bei jedem Wetter quälen Sie sich durch Kälte, Hitze und Wind unzählige Treppen rauf und runter, nur damit Menschen wie ich ihre Pakete kriegen. Selten bedanken sich die Leute und oft stehen Sie unter Zeitdruck – gerade kurz vor Weihnachten machen Sie unzählige Überstunden, damit niemand am Heiligabend leer ausgeht. Das ist scheiße. Ja. Aber das ist VERDAMMT NOCHMAL IHR JOB! Und wenn Sie den nicht mögen oder zu unmotiviert sind, dann suchen Sie sich doch bitte einen anderen. Ich bin es inzwischen wirklich leid, den halben Tag auf ein Paket zu warten, dass nicht kommt, weil Sie mir einfach eine Benachrichtigung in den Briefkasten geworfen haben, anstatt zu klingeln und mir das Paket zu übergeben. Ich weiß ungefähr, wann Sie kommen, also sehe ich zu, dass ich in diesem Zeitraum weder unter der Dusche stehe, noch Milchreis koche oder sonstiges schwer zu Unterbrechendes tue und wenn ich dann beim Öffnen meines Briefkastens sehe, dass Sie keine vierzig Minuten zuvor, eben diese doofe Karte eingeworfen haben(oder wie heute unter Missachtung aller Datenschutzrichtlinien einfach an die Wand geklebt), dann REGE ich mich TIERISCH AUF. Also: Bitte. MACHEN SIE IHRE ARBEIT RICHTIG oder suchen Sie sich eine Alternative. OKAY? <3 eine Kundin

Orrr

you are my sunshine, my only sunshine

Es ist viel zu früh. Viel zu früh. Wenn ich jetzt aufstehe, dann hat der Tag ungefähr drei Stunden mehr als sonst. Drei Stunden mehr, die ich nicht sinnvoll füllen kann. Seit einigen Tagen bin ich wieder der Prokrastination verfallen, was, angesichts der bevorstehenden Klausuren, eher unglücklich ist. Und, anstatt Versuche zu starten, dem zu entkommen, lasse ich mich immer weiter in das Loch zerren, das bereits den Großteil meiner Lebens- und damit auch meine Lernenergie aufgesogen hat. Diese quälende Redundanz scheint also ein fester Bestandteil des Studentenlebens zu sein. Muss ich das jetzt so akzeptieren? – Wenn die Antwort „nein“ wäre, würde ich dann überhaupt was ändern? – Wem machen wir hier eigentlich was vor?