Verfolgt

Radiohead – Creep

Ich schlendere die Einkaufstraße entlang, die Hände in den Taschen meines Pullovers vergraben, den Kopf unter der Kapuze, die Augen auf den Boden gerichtet. Ich möchte nicht auffallen, muss unsichtbar sein. Auf der anderen Straßenseite kommt sie mir entgegen. Sie ist perfekt. Ich warte, bis sie an mir vorbeigegangen ist, wechsele dann zur anderen Straßenseite und folge ihr in sicherer Entfernung. Ihre langen Haare wippen beim Laufen, ihre Absätze machen diese Klackergeräusche, ich kann durch die enge Hose erkennen, das sie vermutlich einen Stringtanga trägt, zumindest zeichnen sich keine Unterwäschelinien ab. Die Frau scheint in Richtung Parkhaus zu laufen, ich habe meinen Wagen in einer Seitenstraße daneben abgestellt, weil da weniger Menschen sind. Uns kommt eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Sie hat mich immer noch nicht bemerkt, aber sie telefoniert nun, dass sie gleich da sei. Rechts ist die Einfahrt zum Parkhaus, sie stoppt kurz und lässt das Handy in ihre Tasche fallen. Ich gehe an ihr vorbei, bis ich sicher bin, dass sie in das Gebäude gegangen ist, drehe dann wieder um. Es beginnt zu dämmern. Perfekt. Ich kann gerade noch sehen, dass sie im Fahrstuhl verschwindet. Dritte Etage. Ich stürme die Treppe hoch, bleibe aber an der Tür zum Parkdeck drei stehen und schiebe diese nur einen Spalt breit auf, die Schönheit läuft auf einen grauen Wagen zu. Klack, klack, machen ihre Schuhe. Sie kramt nach ihrem Schlüssel in ihrer Tasche. Eine dicke, ältere Frau schiebt mich zur Seite. „Entschuldigen Sie, ich muss da durch!“. Die hab ich nicht kommen hören. Die Tür geht auf und die Frau geht zu einem dunkelgrünen Passat. Meine Frau hat ihren Schlüssel gefunden und die Tür aufgeschlossen. Nein. Nein. Nein. Die Fette soll verschwinden. Ich spüre wie die Neugier, die Aufregung der Wut weicht. Die dicke Frau lässt ihren Schlüssel auf den Boden fallen, hebt ihn auf, lässt ihn nochmal fallen. Die Schönheit sitzt im Auto, aber ich kann nicht erkennen, was sie tut. Ich trete aus der Tür, um an ihr vorbeizuschlendern. Die andere Frau scheint endlich ihr Auto aufgeschlossen zu haben. Meine Schönheit sitzt da und tauscht ihre schönen Schuhe gegen weiße Turnschuhe. Nein. Nein. Nein. Wieso tut sie das? Ich werde wütender. Die dicke Frau fährt rückwärts aus ihrer Parklücke, und ich muss über die Auffahrt in die obere Etage laufen, wenn ich mich nicht endgültig verdächtig machen möchte. Jetzt fährt auch die schöne Frau los. Panik. Die dicke Frau fährt nach unten. Ich renne zurück direkt vor das Auto der schönen Frau. Die macht eine Vollbremsung. Ich mache ein schuldiges Gesicht und eine beschwichtigende Geste mit der Hand, während ich mich der Fahrerseite nähere. Die Frau öffnet ihr Fenster. „Geht es Ihnen gut? Ich hab gar nicht gesehen, dass Sie da liefen!“ Ich hole meine Pistole aus der Tasche meines Kapuzenpullis und sage ihr, dass sie auf den Beifahrersitz rutschen soll. Sie zittert und fummelt an ihrem Anschnallgurt rum. Auch meine Hand zittert, allerdings vor Aufregung. Ich greife über sie, schnalle sie ab. „Los!“. Dann setze ich mich hin und fahre los, die Waffe noch immer in der Hand.