Nicht auf die Linien treten!

Within Temptation – Murder

Ich tue jeweils ein Buch in einen der zwei Umschläge, nachdem ich den Titel drei mal mit dem zuvor ausgedruckten Bestellschein verglichen habe, dann vergleiche ich weitere drei mal die Adresse auf dem Bestellschein mit der Adresse auf dem Briefumschlag und lasse den Schein ebenfalls darin verschwinden. Zukleben und fertig! Eben nicht. Ich sollte den Umschlag noch nicht zugeklebt haben, weil ich noch weitere drei mal alles herausnehmen müsste um es erneut auf Korrektheit zu überprüfen und es anschließend wieder erneut zu verpacken. Dass das sinnfrei ist, weiß ich, doch irgendetwas in meinem Kopf will, dass ich es tue. Zwangshandlungen. They made me do it.
In die gleiche Kategorie gehört auch das mehrfache Nachsehen, ob der Herd auch wirklich aus ist, das panische Zurücklaufen, wenn ich die Wohnung schon verlassen habe und die Treppen heruntergehe, um nachzusehen, ob der Kühlschrank auch wirklich wirklich zu ist. Die Liste ist in den letzten Jahren immer länger geworden und in den letzten Monaten hat es ein Ausmaß erreicht, dass mich regelmäßig zum Heulen bringt: „Ich will doch einfach nur schlafen!“ Nix da! Das Licht muss nochmal kontrolliert werden, die Fernbedienung muss an ihren Stammplatz, weil sie da auf dem Sofa nicht liegen bleiben kann. Mir war das Alles gar nicht bewusst, bis meine Therapeutin mich vor einigen Monaten darauf hinwies, weshalb ich den Gedanken nicht los werde, dass ich erst seitdem darunter leide. Quatsch? Es wäre doch gut möglich, dass es mich erst nervt, seitdem ich weiß, dass es da ist und, dass es mich erst belastet, seitdem ich weiß, dass ich dem Drang, diese Handlungen auszuführen, nicht nachgeben soll?
Ich gehe also zur Post, ohne dem Drang nachzugeben, den Vorgang mindestens weitere drei Male zu wiederholen. Als ich das Gebäude dann wieder verlasse überfällt mich die Angst, dass ich die Bücher in den Umschlägen vertauscht haben könnte, die Bestellscheine vertauscht sind oder die Adressen nicht stimmen. Eine Anspannung kommt auf, die in einer Art Nervösität endet. Ich habe das Bedürfnis mir mit einem Sparschäler die Haut abzuziehen. Es ist grausam. Wieso habe ich nicht einfach dem Drang nachgegeben, es nochmal zu überprüfen, wieso habe ich auf diesen (neuen) Therapeuten gehört? Ich verfalle in Heulkrämpfe.

Manchmal stelle ich mir vor, Menschen einfach ohne Vorwarnung ins Gesicht zu schlagen

Paramore – Ignorance

Letzte Woche. Ich entschuldige mich bei der Ärztin. Dafür, dass ich gerade keine depressive Phase habe. Weil sie mich mehr oder weniger dazu nötigt. So kommt es jedenfalls rüber, als sie mich mit einem schwer zu deutenden Blick ansieht und sagt „Aber jetzt geht es Ihnen doch gut, Sie brauchen dann ja gar keine Medikamente!“. Weil die Frau um drei Ecken herum zugibt, meine Akte nicht zu kennen, erkläre ich ihr, was bei mir kaputt ist, habe das Gefühl mich verteidigen zu müssen. Wochen habe ich auf diesen Termin gewartet und als ich diesen vereinbarte ging es mir schlecht. Ich fühle mich ernsthaft schuldig, und erst als ich das Gebäude verlasse fällt es mir auf. Moment mal. Irgendwas läuft doch hier falsch?