Kannste das nicht mal lassen?

Unheilig – Unter Feuer

Das erste Mal sah ich Spucki als ich mittags zu meiner Mutter fahren wollte. Er saß schon an der Bushaltestelle und tat das, weswegen er diesen Namen von mir erhalten hat: er spuckte auf den Gehsteig. Überall hin. Weitflächig. Bis der Weg aussah wie ein Abbild der Mecklenburgischen Seenplatte.

Er war ungefähr 16 Jahre alt, hatte einen Glitzerohrring und – laut hörbar – Musik auf seinem Handy. Angewidert setzte ich mich auf die Bank und hoffte, dass er bald aufhören würde, während ich versuchte nicht die Spuckpfützen anzusehen, die sich wie ein Lauffeuer vor mir auftaten. Fünf Minuten später wollten meine Aggressionen über dieses Ekelverhalten dann raus, der Bus kam allerdings dazwischen. Drinnen spuckte er übrigens nicht.

Auf dem Rückweg, man ahnt es bereits, saß er wieder an der Haltestelle. Also stellte ich mich direkt in sein Blickfeld und sagte ihm, wie ich spuckende Menschen finde. Er meinte, er wüsste, dass das widerlich seiund fragte mich nach einer Zigarette. Weil ich sozial bin und dem Glauben erlag, dass er dann aufhören würde, gab ich ihm eine und musste ziemlich bald lachen, weil er jetzt seinen Speichelabfluß erhöht hatte, um mich zu ärgern.

Man sagt, dass man jeden Menschen immer zweimal sieht. In diesem Fall, waren es zweimal zu viel.

Wo seid ihr denn auf einmal alle?

Paula Cole – Where Have All The Cowboys Gone

Irgendwas lief schief. Erst werden wir Frauen wie Dreck behandelt, dann werden uns Türen aufgehalten und wir dürfen hübsche Hüte tragen und dann, 50 Jahre später, lasst ihr uns die Türen ins Gesicht knallen und leiht euch unser Make-up! Traurig realisierte ich heute, dass ein großer Teil der Menschen, die sich Männer nennen, einfach so verweiblicht ist, ohne dass wir es bemerkt haben.

Der Weibchen-Mann von heute steht morgens auf und duscht sich mit einem Waschzeug, das nach Vanille oder Mann riecht. Danach benutzt er Alpecin und zupft sich die Augenbrauen. Er rasiert sich und trägt ihre Gesichtscreme für empfindliche Haut auf. Zum Frühstück gibt es fettreduzierten Kräuterquark, in seiner Aktentasche landen ein Apfel und ein Abdeckstift fürs Gesicht, den er Conciler nennt. Er geht in Cardigan – im allerschlimmsten Fall mit Herrenhandtasche – zu seinem Seat Ibiza und hält sich im Wesentlichen an die Geschwindigkeitsbegrenzung.

Auf der Arbeit hält er den Kollegen freundlich die Tür auf und am Schreibtisch cremt er sich seine glatten Hände immer wieder mit Nivea ein, weil bei den Temperaturen die Haut sehr empfindlich ist. In der Mittagspause holt er sich einen Salat und checkt seine Emails, wobei er natürlich in jeder Mail Smileys unterbringt.

Zu Hause stellt er schon mal den Müll, den er streng trennt, vor die Tür, damit er es am nächsten Morgen nicht vergessen kann und wäscht sich danach natürlich die Hände. In seinem Bad sorgt ein Raumerfrischer für einen angenehmen Geruch, welcher im Extremfall sogar in seinem Wohnzimmer steht.

Je nachdem, ob er die 40 schon überschritten hat, darf seine Frau/Freundin ihm abends noch die Haare tönen, es soll ja keiner wissen, dass er altert. Auch von seiner Sehschwäche merkt niemand etwas, weil er sogar zum joggen Kontaktlinsen trägt. Mit seinen Kollegen trinkt er ab und zu schon mal was, ein kalorienreduziertes, alkoholfreies Weizen, denn er muss ja noch fahren.

Unsere Männer haben zu viele Weichmacher gefressen! Es ist vorbei mit den edlen Beschützern, wir müssen selbst die Maus in der Küche fangen, wir müssen selbst unseren Nachbarn wegen Lärmbelästigung anschreien und wir müssen selbst die schwere Wasserkiste ins Haus schleppen, bevor wir uns wundern, dass unser Conditioner schon wieder alle ist… Die Gleichberechtigung der Frau ist eindeutig zu weit gegangen, und die des Mannes ja wohl auch.