Für immer Besuch

Musiktipp: Subway To Sally – Unsterblich

In unserem Leben lernen wir vermutlich mehr als 300 Menschen kennen. Manchen schenken wir ein flüchtiges Lächeln auf dem Schulflur, anderen unsere Unschuld.

Kindergarten, Schule, Disco, Arbeit, Café, Krankenhaus, Bordell. Überall Menschen. Mehr als die Hälfte davon vergessen wir wieder. Man sieht sich ein Foto der elften Klasse an und stellt fest, dass man teilweise die Namen gar nicht mehr kennt. Aber es gibt auch Menschen, die sich in unser Gedächtnis – manchmal sogar unser Herz – reingefressen haben, wie der Krebs in die Leber.

Wir können uns selten aussuchen, wen wir in unser Leben lassen, auch nicht, wen wir wieder hinaus lassen. Denn Menschen und die Erinnerungen an Menschen lassen sich nicht einfach löschen, wie eine lästige Datei auf der Festplatte. Unser Gehirn kann immer wieder eine eigenständige Datenrecovery starten. Das kann der Computer zwar auch, allerdings braucht dieser dazu die nötige Software, die bei uns im Kopf unfairerweise schon vorinstalliert ist.

Wenn Menschen, denen wir einen Teil von uns geschenkt haben, uns verlassen, entsteht Schmerz. Unheilbarer Schmerz, der mit den Tagen, Wochen – vlt. auch erst Jahren – zwar nebeliger wird, oder sogar geringer, der aber trotzdem ein Loch in unser vom Leben gefoltertes Herz hineinbrennt.

So auch das wunderschöne Mädchen. Zu kurz um an die Ewigkeit zu denken und zu lange und intensiv um mich beim Anblick deines Fotos zu fragen, wie du heißt. Du fehlst hier. Dein unglaubliches Wimpernklimpern, dein süßes Lächeln, deine Erzählungen. Leider, siehst du das nicht so, das entnehme ich zumindest der totalen Ígnoranz, die seit deinem Abflug herrscht. Aber das ist eben eines von diesen Dingen im Leben, denen wir zum Opfer fallen: der Vergessenheit.

Und wir scheitern immer schöner.

KaputtgeKRIEGt

verlorenes Seelchen!
wandert einsam durch die Welt.
rückgratlos zurückgeblieben,
teilnahmslos und tränenleer,
hoffnungslos und theatralisch,
geradewegs
ins Tränenmeer…

Ohne Überschrift rockt auch manchmal

Musiktipp: Die Happy – If I Could Fly

Samstag morgen. Automatisiert krieche ich aus meinem extrem kuscheligem Bett und torkele zum Schlepptop. Aufklappen, warten, nach Draußen starren, Mailprogramm öffnen, Mails abrufen. Es geht nicht. Kein Internet. Weil es morgens ist, brauche ich ein Weilchen um diese Tatsache zu begreifen und klicke mal hier mal da.

Wenige Minuten später habe ich mich vergewissert, dass die Fehlerquelle weder an meinem, noch an einem der Computer meiner Mitbewohner zu finden ist. Eine halbe Stunde später werden alle Geräte beim Nachbarn, der Internet hat, ausgetestet und für komplett funktionsfähig befunden.

Die Hoffnung, dass das Netz von selbst wieder zurückkommt, zerschellt relativ schnell: Am Sonntag, als ich immer noch abgeschnitten bin von der Außenwelt. Der Netzbetreiber wird über mein Leiden informiert. Während ich also auf eine Reaktion warte, stelle ich Theorien über terroristische Anschläge und Aliens (immerhin sind hier im Landkreis Kornkreise gesichtet worden!) auf.

Am Donnerstag (!) eventuell zwischen 8 und 14 Uhr, wird jemand vorbeikommen, heißt es ( wir müssen den Anbieter wechseln!). Also stehe ich bereits um 9 auf und warte sehnsüchtigst, auf den Retter. Der Mensch ruft gegen 12 an und sagt mir, dass ich das Modem mal aus und wieder anschalten soll. Das Internet läuft wieder, ich feiere. Weil der Telekommensch eine sexy Stimme hat, beschließe ich mich noch nicht weiter anzuziehen, weil er meint, in 20 Minuten noch mal vorbeizukommen.

Meine Hausfrau-verführt-Handwerker-Fantasien verlassen mich allerdings relativ schnell, als sich ein dicker Asthmatiker die Treppe zur Haustür heraufquält, um sich nach dem aktuellen Stand zu erkundigen. Naja, wenigstens das Netz geht wieder, denke ich mir.

Aus diesem Grund war ich also einige Tage nicht online. Der Informationsausbleib und die dadurch entstandenen Schäden, die Langeweile und dieses Gefühl der totalen Isolation und Vereinsamung, habe ich auch schon überwunden.

Du hast es vergessen

Musiktipp: L’Âme Immortelle – Gezeiten

Es gibt Erlebisse, die man verdrängt. Es ist eine bequeme Art mit bestimmten Dingen umzugehen. Man verbannt eine schmerzhafte oder unangenehme Situation einfach aus seinem Kopf, aus seinem Leben. Es existiert nicht mehr. Eine kleine bis große Gedächtnislücke in der Erinnerung entsteht.

Egal ob man diese Methode mit Absicht oder unbewusst anwendet, hilfreich ist sie in beiden Fällen. Richtig schmerzhaft ist es, wenn man Jahre später darüber aufgeklärt wird, dass man ein besagtes Erlebnis verdrängt hat.

Wenn die Erinnerungen langsam zurückkommen. Man dort sitzt. In einem Besprechungsraum und weint. Wenn man zu Hause ist, immer noch weint, weil man nicht glauben will, was man jetzt weiß. Diese Bilder, die Worte, die im Kopf widerhallen. Alles wieder hochkommt. Wenn man erfährt, dass das alles gelogen war. Wenn man sich wünscht, in seiner selbstgebastelteten neuen, schöneren Welt geblieben zu wären. Ein grausamer kalter Tag.

Im weniger extremen Fall sitzt man im Erinnerungsfall nicht unbedingt beim Psychiater auf dem Sofa, sondern ist irgendwo anders. Man erlebt eine ähnliche bis vergleichbare Situation, jemand sagt etwas, jemand macht etwas und man wird schlagartig zurückgeschubst in die quälende Vergangenheit.

Mein Erinnerungserlebnis liegt schon ein Weilchen zurück, seitdem WEISS ich erst davon und seitdem ist es immer present. Ich schaffe es nicht, es erneut vollständig aus meinem Leben zu verbannen. Bekomme das einfach nicht hin. Immer wieder Situationen, immer wieder etwas, dass mich erinnert.

Manchmal reicht es schon, alleine im Bett zu liegen und schlafen zu wollen. Es lässt einen nicht schlafen. Diese Stimmen, die Worte, immer wieder. Manchmal tut es weh, manchmal habe ich Erfolg und kann es einfach abschütteln.

Ich mag nicht mehr daran denken, es soll raus aus meinem Kopf. Ich mag weiterleben, ganz normal. Nichts davon wissen. Diese Frau, die mir helfen sollte, hat mein Leben letzendlich nur kaputt gemacht :<.