Winter

Musiktipp: My Chemical Romance – I Don’t Love You

Die unter uns, die ein Leben haben, haben gestern ihre Uhr auf Winterzeit umgestellt. Der Rest wundert sich, warum Oli Geissen nicht wie gewohnt anfängt.

Die Blätter auf den Straßen, der Regen, frühzeitige Dunkelheit, der Wind, der unser Haarspray auf die Probe stellt und auch die Temperaturanzeige, deuteten es an: Es ist Herbst, es wird Winter. Die letzten Tage waren wirklich widerlich, um es mit dem Worten einer zu sagen, die bald 20 wird und nur nebenbei einfliessen lässt, dass sie gerne zum Placebokonzert will.

In wenigen Wochen wird RTL wieder seinen bekannten Spendenmarathon starten, die Regale, in denen sich bereits seit August Lebkuchen und ähnliche Leckereien befinden, werden sich leeren und in der Innenstadt werden Weihnachtsmänner herumlaufen und dabei Werbung für Karstadt machen. Und in noch weniger Wochen werden die Radiostationen wieder „Last Christmas“ rauf und runter spielen.

Ab Mittwoch soll es richtig kalt werden, im Radio war sogar schon die Rede von Schnee. Mit einer Geschwindigkeit, von der mein kleiner Golf 2 nur träumen kann, wurde es Winter. Holt die Winterjacken raus, kauft Spekulatius. Das wird eine harte Zeit!

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Mittlerweile schon 19 Uhr und ich habe ein sehr schönes Mädchen sehr glücklich gemacht.

Neues von der Therapie

Ziemlich beunruhigend, wenn jemand am Schreiben ist, während man ihm oder ihr etwas erzählt. Noch beunruhigender, wenn Zwischenfragen gestellt werden und danach weitergeschrieben wird.

Meine Therapeutin sieht ein bißchen so aus, als wollte sie den Regenwald retten. Und wenn man mir ihr spricht, bekommt man auch irgendwie den Eindruck, dass sie ein ganz klein wenig zu viel fanatisch auf ihrer Meinung beharrt. Ein ganz klein wenig. Vermutlich macht sie diesen Beruf schon seit 35 Jahren und hat Recht mit dem was sie sagt.

Ich meine, man muss seine Familie nicht mögen. Es gibt zwar genetische Faktoren, die uns da prägen, aber man kann sie eben auch hassen, die Sippe. Ich mag meine Erzeuger, meine Geschwister und nein, die sind nicht an meiner Lage schuld, sage ich. Daraufhin entgegnet die Tropenfrau, dass das Wort „Schuld“ in der Psychatrie nichts zu suchen hat. Ich lasse sie reden. Und reden. Darf ich auch mal wieder was sagen? Ah, ok. Danke. Die Frau schreibt wieder. Ich wiederhole meine Aussage, ersetze aber das Wort „Schuld“ durch „Ursache“. Das scheint sie gewollt zu haben, denn jetzt folgt eine Rede über Mauern, die ich um mich aufbaue.

Ich finde das irgendwie gar nicht, will die Fanatikerin aber nicht böse machen, weil ich Angst habe möglicherweise in die Luft gesprengt zu werden. Stattdessen beißt sie sich an meiner Grundschulzeit fest, die mittlerweile ca. 10 Jahre zurückliegt. Um wieder dieses mitleidige Gesicht zu sehen, dass Psychologen manchmal aufsetzen, wenn sie nicht genau wissen, was sie von etwas halten sollen, sage ich ihr, was sie hören will: Ja, die Kinder waren alle ganz gemein zu mir. Stimmt ja auch, nur ist mir das inzwischen so egal, wie einem toten Frosch der Regenwald. An den denkt sie jetzt wahrscheinlich auch gerade, weil sie an die Wand starrt. Ich überlege kurz, sie zu fragen ob sie Bernd kennt.

Mein Blick fällt auf die häßlich rote Plüschuhr auf dem Schreibtisch. Die Tegut-Einkäuferin überzieht, stelle ich fest. Auf dem Glastisch, der zwischen uns steht, liegen kleine Bälle und Steine. Ob sie damit schonma beworfen wurde? Ich versuch mich wieder zu konzentrieren. Jetzt ist die Therapeutin schon in der Realschule angekommen. Entsetztes Gesicht, als ich ihr erkläre, wie man unbemerkt Schule schwänzt. Mit ihrer fanatischen Art beharrt sie darauf, dass Eltern so etwas doch merken müssten. Nein, Erzeuger wissen nicht alles, sage ich.

Das Thema Esstörungen kommt wieder auf und ich muss ein paar Tränen runterschlucken. Kann die meine Vergangenheit nicht in Ruhe lassen? Mein Problem ist jetzt. Die Mauerrede wird nochmal in Kurzform wiedergegeben. Dann klopft es an der Tür. Die nächste Patientin ist da. Wir machen einen neuen Termin aus. Beim Rausgehen versuche ich einen Blick auf die Arme der Patienten zu erhaschen, aber wie alle SVV-Patienten trägt sie langärmelig.

Ohne Titel 2

In Göttingen gibt es viele überteuerte Optiker und unzählige Augenärzte. Ich war mittlerweile etwa bei gefühlten 80 %.

Beim Führerscheinsehtest wurde mir ein Sehkraftverlust von 40 % bestätigt. Weil ich das nicht glauben konnte, gingt ich zu einem anderen Optiker und bekam dort die vollen 100 %. Das ist jetzt über ein Jahr her.

Keine Brille beim Autofahren tragen zu müssen ist natürlich toll. Nur leider, seh ich irgendwie nie 100 %. In der Schule sind oft nur schwarze Linien zu erkennen und was auf einem Straßenschild steht, bleibt auch lange Zeit unerkannt.

Es folgte ein Gang nach dem anderen zu diversen Menschen, die Brillen verkaufen und zu Menschen, die sich auch Augenarzt nennen dürfen. Überall das Gleiche: 100 %.

Voller Verzweifeln ging ich vor Kurzem wieder, nach langer Zeit, zu einem Optiker. Wieder 100 %. Also kann ich wohl sehen und diese schwarzen Linien sind auch schwarze Linien. Wie ich direkt erleichtert bin *Augen verdreh*.

Interview mit einer Fee

Musiktipp: The Red Hot Chili Peppers – Snow

R.: Hallo Jule! Schön, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!
J.: Und ich dachte ich wäre die Einzige, die von sich im Plural redet. – Hallo! Allskla?
R.: Allskla! Nein, ich meine mit Uns die Zeitung.
J.: Verstehe. Leg los.
R.: Erste Frage, ist Fee dein Beruf oder bist du eine von Natur aus?
Jule fliegt einmal im Zimmer herum.
J.: Früher habe ich als Zahnfee gearbeitet. Vor ein paar Jahren hat die Gewerkschaft aber festgesetzt, dass das kein Ganztagsjob ist und einem deshalb keine Sozialversicherung zusteht. Deshalb habe ich dann auch den Beruf der Todesfee aufgenommen.
R.: Wie wird man den bitte Todesfee? Ist doch sicher kein leichter Job…
J.: Ich habe ein Praktikum in Irland gemacht und fand den Beruf sehr interessant. Der Tod ist ein Teil vom Leben, gehört einfach dazu. Wir sollten keine Angst davor haben.
R.: Da hast du sicher Recht. Ist dir schon mal etwas im Job passiert, was du lieber nicht erlebt hättest?
J.: Ohja, ich hatte abends einem kleinen Jungen seinen ersten Milchzahn unterm Kissen genommen, am nächsten Tag musste ich ihn dann ins Totenreich überführen. Da kamen mir die Tränen…
R.: Angeblich weinen Todesfeen ja sowieso ziemlich viel?
J.: Ja, das ist etwas was man den irischen Kollegen nachsagt. Wir leben in einer modernen Welt, es ist ein Job wie jeder andere. Wenn wir den ganzen Tag schreien und weinen würden, würden wir nichts schaffen. Außerdem macht das hässlich.
R.: Ist ja auch so ein Vorurteil gegenüber deinem Beruf…
J.: Alles total überholt.
R.: Ich sehe es .
J.: Jap. Die Leute denken auch immer, ich würde in einem weißen Bettlaken rumrennen. Schonmal versucht damit zu fliegen? Dann steht die Gewerkschaft schneller auf der Matte, als dir lieb ist!
R.: Was trägst du denn dann auf deinen Touren?
J.: Schwarz. Eng und bequem.
R.: Und wie sieht es aus, wenn du als Zahnfee unterwegs bist? Da ist weiß doch nahe liegend…
J.: Ja. Da ist es auch Pflicht. Musst in dem Job sehr schnell sein, bevor das Kind aufwacht wieder wegfliegen usw… Da kannst du dich nicht immer an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten. Deshalb ist die Kleidung da ein Erkennungszeichen. Wird nur so schnell dreckig leider.
R.: Abschließende Frage: Was verdient man in deinem Beruf?
J.: Ah, komm. Über Geld spricht man nicht, hat deine Mama dir das nicht beigebracht?
R.: Na dann, danke ich dir für deine wertvolle Zeit.
J.: Der Mensch, der jetzt erst Morgen stirbt, wird’s dir danken.
R.: Wahrscheinlich.
Jules Handy klingelt.
J.: Oh, jetzt muss ich aber los wieder. Muss meiner Auszubildenden noch erklären, wie sie den Wert eines Zahnes festlegt, bevorsch gleich in Urlaub fliege…
R.: Dann viel Erfolg, ich hoffe wir sehen uns noch mal wieder.
J.: Ja, spätestens, wenn du stirbst. Musste aber vor 19 Uhr machen, sonst kriegste die Kollegin ab. Tschöö!
R.: Aufwiedersehen!

Idioten-Frage

Wieso kann ich ein Video, dass ich verlinke, im IE ansehen, im FF aber nicht? Was ist das bitte für eine Welt, in der wir leben? – Helenaaa!

Helena

Ich hätte es schon viel eher tun sollen:

Mein Lieblingssong von My Chemical Romance. Hat auch eine kleine Bedeutung für mich, aber der Großteil denkt einfach, dass ich ihn mag, weil man da so schön „Helenaaa“ schreien kann. Und da ist auch was dran :>. Euch so etwas vorenthalten, man sollte mich hauen.

Atheistische Kirchgänge

Mal was von heute morgen.

…und dann muss ich noch meine Erzeuger verklagen, wegen der Kirche und in Erfahrung bringen, ob ich da noch irgendwie Schmerzensgeld raushauen kann. Wäre ja eigentlich nur fair. Nach jahrelanger aufrichtigen Opferung, alles nur aus Liebe und Abhängigkeit zu den Eltern. Jedes Jahr zu Weihnachten (okay, bis auf letztes Jahr, das war doof) haben sie mich dahingezwungen – zu den Evangelen, nicht zu den Katholiken. Illegale Aktionen, aber im Dorf gab’s ja nur die eine. Und als ich klein und dumm und noch süß war (nein, das bin ich jetzt nicht mehr!) habsch auch zu Weihnachten immer den Engel gegeben und meinen Standardsatz mit dem Licht der Welt aufgesagt vor dem versammelten Dorf und diese dummen Lieder gesungen mit der Gloria und dem Kindlein, das uns geboren wurde – auch bei den Evangelen. Und immer habsch artig den Mund gehalten und keine blöden Gottlästersprüche gesagt, wenn die Oma da war oder andere Menschen, vor denen man wenigstens so tut, als hätte man Respekt. Nach all den Jahren muss man jetzt 25 EUR zahlen, damit man später sein Gehalt behalten darf. Nur weil meine Erzeuger meinten, es wäre toll die Tochter von einem katholischen Mensch mit Wasser übergießen zu lassen und dabei Kirchenlieder zu singen. Auch Abmeldegebühr genannt. Darauf muss ich besagte Erzeuger also verklagen. So ja nun nicht!